Unsere HR-Leiterin Dagmar Henkel im Interview

Wie New Work und die Pandemie unsere Arbeitswelt verändern

Wir haben mit Dagmar Henkel, langjährige HR-Führungskraft und seit 2019 Leiterin HR bei Babtec, über die Chancen und Aufgaben gesprochen, die Unternehmen jetzt hinsichtlich Sinnstiftung, Führung und Unternehmenskultur erwarten.

Nahezu über Nacht ging die ganze Bundesrepublik ins Homeoffice – zumindest alle Bereiche, in denen es irgendwie möglich war. Damit wurde die Flexibilisierung des Arbeitsortes, ein zuvor in vielen Unternehmen kritisch gesehenes Kernelement der New-Work-Bewegung, zur Realität. Die Transformation, die unsere Arbeitswelt in den letzten Monaten erfahren hat, ist zukunftsweisend. Eine Zeit „danach“ wird nicht mehr so sein wie eine Zeit „davor“.

Hallo Frau Henkel, vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit für dieses Interview nehmen! New Work war ja schon vor Covid-19 ein großes Thema.

Was steckt denn eigentlich hinter dem Schlagwort „New Work“?

Der Begriff „New Work“ ist älter als man denkt, er ist schon in den 1970ern entstanden. Frithjof Bergmann, ein Sozialphilosoph, sah Menschen in der Arbeitswelt als Mittel zum Zweck missbraucht und die Arbeitsumstände als menschenunwürdig. Dem gegenüber stellte er seine Idee der New Work, in der Arbeit das Mittel für den Menschen ist, sich selbst zu verwirklichen. Dahinter steht das Menschenbild eines kreativen Wesens, das wirksam sein möchte. In seiner eigenen Zeit konnte Bergmann aber wenige Menschen überzeugen.

Das hat sich inzwischen grundlegend geändert. Heute ist der Begriff ein Sammelbecken für diverse moderne Arbeitsmodelle und -methoden, darunter flexible Arbeitsformen wie Jobsharing, agile Arbeitsmethoden wie Scrum, sowie Arbeitsortautonomie, Arbeitszeitautonomie, digitale Zusammenarbeit und vieles, vieles mehr. Gemeinsam haben all diese Ansätze, dass sie das Ziel einer sinnstiftenden, Freude bereitenden Arbeit verfolgen. Selbstverwirklichung und Selbstbestimmtheit sind entscheidende Elemente dieser Haltung gegenüber der Arbeit.

Einen großen Anteil an der Verbreitung von New Work hatten die Start-ups. Hier wurde Arbeit häufig von vorneherein anders organisiert; es gab ein neues Verständnis davon, was der Mensch im Unternehmen leisten sollte. Als immer mehr Start-ups mit dieser Herangehensweise erfolgreich waren, hat das die größeren, etablierten Unternehmen zunehmend nervös gemacht. Denn etabliert zu sein reichte immer weniger als Argument, sich für ein Unternehmen zu entscheiden oder bei einem Unternehmen zu bleiben; die Nachwuchsfachkräfte hatten andere Ansprüche hinsichtlich Sinnempfinden und Flexibilität entwickelt.

Dabei wurde auch immer deutlicher, dass New Work eben nicht nur Methoden sind, sondern dass diese Art von sinnstiftender, flexibler Arbeit vor allem etwas mit Haltung und Werten zu tun hat. Wichtig im New-Work-Kontext ist, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, an den Menschen zu glauben und der Überzeugung zu sein, dass man gemeinsam das Beste schaffen kann.

Agile Arbeitsmethoden, beispielsweise Scrum in der Softwareentwicklung, sind ein fester Bestandteil des New-Work-Portfolios. Wie Scrum bei uns eingesetzt wird, erfahren Sie im Artikel über die Entwicklung unserer Software.

Wie hat die Pandemie in den letzten Monaten unsere Vorstellung von einer modernen Arbeitswelt beeinflusst?

Im Coaching würde man sagen: Corona hatte einen Interventionscharakter. Eine Intervention ist im Coaching-Kontext eine Frage, die einen neuen Blickwinkel sowie ein Umdenken auslöst. Corona hat New Work und der Digitalisierung der Arbeitswelt zum Durchbruch verholfen. Denn plötzlich war dieses Virus da und wir mussten sehr spontan zum Schutz der Mitarbeiter alles umorganisieren. Und das Spannendste: Auf einmal wurden Dinge möglich, die vorher undenkbar waren. Das ist die große Erkenntnis und auch Entwicklung, die wir aus dieser Zeit mitnehmen können und müssen: Corona hat uns gezwungen, den Menschen ins Zentrum unseres Handelns zu stellen und wir haben mehr erreicht, als wir vor der Pandemie für möglich gehalten hätten.

Natürlich war es auch eine große Herausforderung, zum einen mit den neuen Tools umzugehen, aber zum anderen auch sich selbst zu strukturieren und neu zu lernen, was Arbeit jetzt bedeutet. Denn plötzlich vermischte sich Arbeit und Privatleben. Das erste Kind, das die Videokonferenz unterbrach, war vielleicht noch ein Uuups-Moment. Doch dann wurde es Normalität, dass eben auch die Kids schon einmal durch das Bild flitzten, dass es an der Tür klingelte, weil der Paketbote kam.

Eine weitere Herausforderung für viele Mitarbeiter war das Bedürfnis zu zeigen, dass sie arbeiten. Sinnbild dafür ist die Statusanzeige von Kollaborationstools, die von grün auf gelb springt. Da wird dann ganz schnell an der Maus gewackelt, damit sie schnell wieder grün wird. Die gelbe Anzeige hat beim einen oder anderen Unbehagen ausgelöst. Das zeigt uns in aller Deutlichkeit, wie viel Zeit wir noch brauchen werden, bis wir die Idee hinter New Work wirklich leben. Wir sind ganz auf Leistung gepolt und vor allem darauf, bei der Leistung gesehen zu werden. Corona hat als Intervention etwas ausgelöst, aber bis wir das mit Leben füllen und uns alle damit wohlfühlen – bis dahin wird noch viel Wasser die Wupper hinunterfließen.

In New-Work-Ansätzen wird uns auch oft die Unternehmenskultur als Schlüssel für erfolgreiche Zusammenarbeit angepriesen.

Was ist an der Unternehmenskultur im Zusammenhang mit New Work so wichtig?

Diese tiefe Freude darüber, was ich tue, wo ich es tue und für wen ich es tue, hat enorm viel mit der Unternehmenskultur zu tun. Ich erzähle abends meinen Freunden dann begeistert von meinen Projekten auf der Arbeit, wenn die Unternehmenskultur stimmt. Es setzt voraus, dass ich mit Menschen umgeben bin, die meine individuellen Werte, Überzeugungen und Interessen teilen. Und wenn es Unternehmen nicht gelingt, seinen Mitarbeitern den Sinn der Existenz des Unternehmens zu vermitteln, kann man dort nicht ideal zusammenarbeiten.

Oft denken wir Unternehmenskultur auch einfach zu kurz. Duz-Kultur und Obstkörbe machen nämlich noch keine gute Unternehmenskultur aus. Ich habe neulich den tollen Begriff des Unternehmens als „Kulturtankstelle“ gelesen. Das wird auch gerade in Hinblick auf Digitalisierung und Homeoffice in Zukunft noch wichtiger werden. Im Unternehmen sollte ich mich mit der Kultur auftanken können, mit Überzeugungen, mit Vertrauen und Wertschätzung, mit einem „Schön, dich zu sehen“, mit Loyalität und Fairness, einer gemeinsamen, positiven Fehlerkultur. Wenn das Handeln im Unternehmen nach innen sowie nach außen auf authentischen, gemeinsam gelebten Werten beruht, dann haben wir eine lebendige Unternehmenskultur.

Das Unternehmen sollte zur Kulturtankstelle für alle Mitarbeitenden werden.

Und was bedeutet das für die Führungskräfte von heute und morgen?

New Work beeinflusst nicht nur die Unternehmenskultur, sondern ganz intensiv auch die Führungskultur. Denn die Werte Selbstverwirklichung, Eigenverantwortung und Freiraum funktionieren natürlich nicht, wenn ich einen Vorgesetzten à la 1970er Jahre vor mir habe, der seine Befehle poltert und ausschließlich deren Ausführung erwartet.

Ich muss mich als Führungskraft in meine Mitarbeiter hineinversetzen. Es klingt vielleicht trivial, aber das ist es nicht. Denn gute Führung bedeutet vor allem das, was ich die „vier M“ nenne: Man muss Menschen mögen! Wenn ich Menschen nicht mag und mich nicht für sie interessiere, kann ich mich niemals emphatisch in sie hineinversetzen, sie verstehen und sie auch in ihrer Andersartigkeit akzeptieren. Wir brauchen Führungskräfte die als Vorbild agieren, die Umsetzung der Unternehmenswerte täglich vorleben und die Mitarbeiter unterstützen. Es gibt einen Begriff, den ich persönlich ganz toll finde, weil er das so auf den Punkt beschreibt, und das ist „Empowerment“. Damit ist gemeint, dass Führungskräfte ihre Mitarbeiter befähigen, sich selbst weiterzuentwickeln und sich neuen Aufgaben und Herausforderungen zu stellen. Kontrolle weicht Vertrauen und Teamwork; Führungskräfte werden zu Coaches und begegnen ihren Mitarbeitern auf Augenhöhe.

Auch für Veränderungsbereitschaft und den Mut, Neues auszuprobieren, sollten Führungskräfte ihr Team empowern. Gerade in der jetzigen Zeit absoluter Disruption brauchen wir Mitarbeiter mit der Haltung „Ich weiß zwar noch nicht, wie wir das schaffen, aber wir kommen gemeinsam da durch und werden es schaffen.“ Resilienz, die psychische Widerstandskraft, ist hier ein wichtiger Schlüsselbegriff. Je höher das eigene Gefühl der Selbstwirksamkeit, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Mitarbeiter in Situationen wie einer Pandemie auch resilient und produktiv mit der Situation umgehen können. Genau das ist Empowerment.

Moderne Führungskräfte sorgen dafür, dass ihre Mitarbeiter selbstständig und selbstwirksam arbeiten.

Existenzängste, Kinder im Homeschooling, Sorge um die Liebsten – es gibt viele neue Belastungen für Arbeitnehmer.

Was sollten Arbeitgeber jetzt tun?

Die Frage möchte ich gerne umformulieren in „Was sollen Menschen jetzt tun?“. Ich denke, Kommunikation, miteinander im Gespräch bleiben, ist das Mittel der Wahl – immer, aber gerade in dieser Zeit. Da sollte Raum für die ganz einfachen zwischenmenschlichen Fragen sein, auch wenn wir gerade nicht ein Büro teilen. Denn es fehlt in der Arbeit auf Distanz ein ganz wichtiger Faktor, auch wenn wir über Videokonferenzen Elemente wie Gestik, Mimik und Stimme wahrnehmen können. Aber die Vibes, das Gefühl des Wohlbefindens oder auch der Anspannung können wir deutlich besser wahrnehmen, wenn wir uns im selben Raum aufhalten. Daher sollten wir jetzt noch mehr als zuvor miteinander kommunizieren, transparent sein, Mensch sein und uns bewusst machen, dass wir einander brauchen, um uns gegenseitig zu unterstützen. Denn wir befinden uns definitiv in einer Ausnahmesituation – da ist es umso wichtiger, immer ein offenes Ohr und ein freundliches Wort zu haben und gegenseitig Anteilnahme zu zeigen.

Arbeiten von Zuhause ist das Trendthema während der Corona-Pandemie.

Wie sehen Sie das Homeoffice: Fluch oder Segen?

Es ist ein Segen, dass wir herausgefunden haben, wie produktiv und effizient wir im Homeoffice sind. Das war schon wirklich sensationell. Wir haben bewiesen, dass wir es können und viele Menschen haben sehr positive Seiten des Homeoffice erleben dürfen. Ich habe dort Ruhe, kann mich ohne Ablenkung fokussieren und ganz in Themen aufgehen.

Es gibt aber auch eine andere Seite. Es ist ein Fluch, wenn ich das menschliche Miteinander verliere. Wir alle sind fühlende Wesen. Wir spüren, wenn ein anderer im Raum ist, und das ist für uns eine ganz wichtige Sinneswahrnehmung. Als soziale Wesen brauchen wir einander und wir müssen dieses Miteinander wertschätzen. Dauerhafte Isolation allein zu Hause ist einfach nicht gut für uns.

Die große Kunst wird hier sein, das rechte Maß zu finden. Wir sind jetzt gefordert, agil zu denken und einfach mal auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und auch offen für mehrere Varianten zu sein, denn wir Menschen sind nun einmal verschieden. Wir sollten uns fragen, was wir mit der Arbeit im Büro erreichen wollen. Denken wir noch einmal an das Unternehmen als Kulturtankstelle: Dann wäre die Arbeit im Büro für all die Arbeitsaufgaben ideal, in der Teamwork gefragt ist. Und das Homeoffice ist vielleicht dann die richtige Lösung, wenn wir uns voll in unserer Aufgabe entfalten wollen.

Daher liegt jetzt eine unheimlich spannende Zeit vor uns, in der wir mit den errungenen Erkenntnissen weiterarbeiten und weitere Erfahrungen zu Themen wie dem Umgang mit Arbeitszeit und Arbeitsort sammeln können. Damit wir uns dem New-Work-Ideal einer sinnerfüllten Arbeit nähern, die Freude bereitet, eine Identifikation mit den Werten des Unternehmens ermöglicht und das Unternehmen zur Kulturtankstelle werden lässt.

Lea-Maria Anger

Lea-Maria Anger

Blog-Redakteurin und Geisteswissenschaftlerin mit der Mission, über spannende Themen aus der Welt der Qualität zu berichten. Ihr Motto dabei: immer neugierig bleiben.

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